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[Heinrich Seidel: Schriftsteller und Ingenieur]
Mecklenburg-Vorpommern

Heinrich Seidel (Photo Löscher & Petsch um 1890) Rund anderthalb Jahrzehnte seines noch nicht einmal 65 Jahre währenden Erdendaseins führte der am 25. Juni 1842 in dem mecklenburgischen Dörfchen Perlin als Heinrich Friederich Willhelm Karl Phillip Georg Eduard geborene älteste Sohn des Dorfpastors Heinrich Alexander Seidel ein sonderbares Doppellleben. Denn er sei damals, so heißt es in der 1894 veröffentlichen Biographie "Von Perlin nach Berlin", ängstlich bemüht gewesen, "meine praktische Berufstätigkeit und meine poetischen Liebhabereien scharf auseinander zu halten."

Seidels praktische Berufstätigkeit war damals - in den 70er Jahren des vorigen Jahrhundert - die eines Ingenieurs. Denn nachdem er 1859 zwar ohne Abitur, aber dafür mit dem damals eher ungewöhnlichen Wunsch, Techniker zu werden, das Schweriner Gymnasium Fridericianum verlassen hatte, studierte der junge Mann zunächst zwei Jahre lang an der Polytechnischen Schule in Hannover. Dort war Heinrich Seidel übrigens auch ein ebenso eifriges wie trinkfestes Mitglied der mecklenburgischen Landsmannschaft "Obotritia". Da aber Seidels Vater Heinrich Alexander, inzwischen Schweriner Schlefkirchenpastor und Divisionsprediger, schon sehr früh starb, mußte der Polytechniker vorzeitig nach Mecklenburg zurückkehren und sich in zwei Güstrower Maschinenfabriken noch einmal von unten emporarbeiten.
Viereinhalb Jahre später wagte er noch einmal den Versuch des Studiums. Diesmal an der berühmten Königlichen Gewerbeakademie in Berlin, wo sich zur selben Zeit auch Otto Lilienthal aufhielt. Nach Abschluß des Studiums arbeitete der junge Ingenieur zunächst in der Maschinenbauanstalt Wöhlert, im Lokomotivbau, dann bei der Potsdamer Bahn und schließlich mehr als sieben Jahre bei der Berlin - Anhaltischen Eisenbahngesellschaft. Und dort feierte Heinrich Seidel auch seinen größten Triumph als Techniker: "Später ... begünstigte mich das Glück noch mehr, und ich erhielt eine Aufgabe, die in dieser Ausdehnung auf dem ganzen Kontinente noch nicht vorgekommen war, nämlich die Konstruktion des eisernen Daches der mächtigen Ankunftshalle (des Anhalter Bahnhofs), das eine Spannweite von 62,5 Meter besitzt." Der Anhalter Bahnhof wurde 1880 eingeweiht.

Im selben Jahr entschließt sich Heinrich Seidel, der bereits seit seiner Güstrower Zeit mehr oder weniger intensiv geschrieben hat, sich "fortan ausschließlich dichterischen Arbeiten zu widmen" und als freier Schriftsteller zu leben. Aber erst gegen Ende dieses Jahrzehnts kann er sich über erste Anerkennung für seine schriftstellerischen Arbeiten freuen. Diese kommen mit der Veröffentlichung des ersten Teils der Geschichten über jenen literarischen Helden, der auch heute noch wohl am ehesten mit dem Namen Heinrich Seidel verbunden wird - "Leberecht Hühnchen".
Über ihn und seine besondere Begabung heißt es zu Beginn des Manuskriptes: "Leberecht Hühnchen gehörte zu den Bevorzugten, denen eine gütige Fee das beste Geschenk, die Kunst glücklich zu sein, auf die Wiege legte, er besaß die Gabe, aus allen Blumen, selbst aus giftigen, Honig zu saugen. Ich erinnere mich nicht, daß ich ihn länger als fünf Minuten lang verstimmt gesehen hätte, dann brach der unverwüstliche Sonnenschein seines Innern siegreich wieder hervor, und er wußte auch die schlimmste Sache so zu drehen und zu wenden, daß ein Rosenschimmer von ihr ausging." Und genau jener rosenschimmernde, unverwüstliche Optimismus ist es, der dem Schriftsteller Heinrich Seidel oft genug den Vorwurf einbrachte, ein wirklichkeitsfremder, der realen Welt abgewandter Poet zu sein. Immerhin aber haben sich keine Geringeren als die Schriftstellerkollegen Theodor Storm und Gottfried Keller lobend über Seidel geäußert, der " ... auch was Rechtes kann und gut geschriebene kleine Geschichten macht", so Kellers Urteil.
Zudem sollten bei der Betrachtung von Seidels literarischer Produktion drei Dinge nicht vergessen werden - seine Märchen und Gedichte für Kinder, die wunderschönen Landschafts- und Menschenschilderungen, in denen immer wieder "Mecklenburger Art und Heimatliebe" durchblickt und sein wohl schönstes Buch, die "Abenteuer des Reinhard Flemming zu Wasser und zu Lande". Nachdem er zu seinem 60. Geburtstag am 25. Juni 1902 noch einmal vielfältige Ehrfahrungen erfuhr - darunter die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock -, ist Heinrich Seidel, der dichtende Ingenieur und konstruierende Schriftsteller, am 7. November 1906 in Berlin gestorben. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof an der Moltkestraße im heutigen Berliner Stadtbezirk Steglitz.

Autor: Jürgen Seidel, Stralendorf